Wenn mich Leute nach meinem Beruf fragen und ich antworte, dass ich „Tierärztin“ bin, kommt das in der Regel gut an.

Toll!“ „Ach, was!“ oder „Spannend“, raunen sie dann und kurz bin ich zufrieden, weil sich der Mensch eben gern für das bestätigt fühlt, was er tut.

Doch wie ist es wirklich Tierärztin zu sein? Stimmt es, dass wir den ganzen Tag mit Katzen spielen, die eine oder andere Spritze setzen und dafür noch das dicke Geld einstreichen?

Vets see…

Obwohl ich derzeit nicht klassisch in der Praxis arbeite, bin ich doch von einem Tiermediziner-Clan umgeben, denn ein großer Teil meines Freundeskreises arbeitet in diesem Beruf. Das schätze ich sehr, denn Tierärzte sind häufig nette Zeitgenossen und bei Zusammentreffen gibt es meist eine große, feucht-fröhliche Hundeparty. Weniger fröhlich stimmen mich die Geschichten von Berufsanfängern aus der Praxis.

Ich weiß nicht, ob ich mein Leben lang so viel für so wenig Geld arbeiten kann!“ höre ich da öfter. Oder „Ich musste die letzten drei Tage ohne Pause ran“ und „meine Chefs sagen, dass mehr Geld einfach nicht drin ist“.

Und so stelle ich fest, dass die steife Brise mit dem Namen „Arbeitsrealität“ mitunter kälter bläst, als  mancher Anfänger ertragen kann. Die Konsequenz: Nicht nur zart Besaitete werden aus dem Beruf geweht.

Feuerlöscher Studium

Sind Tierärzte Feuer und Flamme für ihren Beruf?

Doch fangen wir von vorne an. Bereits das Studium schafft es, den ersten Feuereifer der Studenten zu ersticken: Sei es das Bulimie-Lernen ohne Sinn und Verstand,  die vollgestopften Lehrpläne, endlosen Prüfungszeiten oder der fehlende Praxisbezug.

Mit fortschreitender Semesterzahl leeren sich die Vorlesungssäle, was wiederum die Professoren erzürnt.

Jetzt stehe ich hier tagein tagaus und das „faule Pack“ bleibt im Bett? Wartet nur, bis ihr vor mir in meiner Prüfung sitzt!

Bei den Studenten ploppen hingegen die ersten Fragezeichen auf:

Wann lernen wir denn endlich, was wir für die Praxis brauchen? Warum haben wir eigentlich nie Semesterferien, wie andere Studierende? Muss ich wirklich über alle Tierarten Bescheid wissen und wieso vergesse ich Gelerntes so schnell? Macht diese stumpfe Auswendig-Lernerei nach Fragenkatalog eigentlich Sinn?

Doch Tiermedizinstudenten sind genügsam und zäh. Aufgeben ist keine Option, und so handeln sie nach der Devise „Augen zu und durch“. Mit viel Sitzfleisch, Schweiß und Tränen trotzen sie dem praxisfernen Lehrplan und freuen sich auch nach etlichen Lehrstunden zum Thema „Bakterienbefall von Wurstwaren“  darauf, endlich loslegen und wahrhaftige Tiere behandeln zu dürfen.

Es wird nicht besser

Mit dem Einstieg in die Praxis kommt dann allerdings der wahrhaftige Realitätsschock: Denn praktisch können die ausgelernten Tierärzte kaum etwas und plötzlich müssen sie nicht nur die Verantwortung für kranke Tiere tragen, sondern auch besorgte Besitzer beruhigen – und so wird im Arbeitsalltag alles zur Herausforderung. Das wissen natürlich auch die Arbeitgeber, weshalb ihnen die Arbeit der Anfänger häufig nicht mehr als 1600-1800 Euro brutto wert ist. „Wir bilden Euch ja schließlich praktisch aus!“, so die Argumentation. Und: Ihr müsst erst Erfahrung sammeln, bevor ihr der Klinik einen Nutzen bringt!

Besagte Erfahrung bekommen Neulinge am besten, wenn sie viel arbeiten. Vor allem am Wochenende und nachts – wenn sie „richtig ran“ müssen, weil niemand da ist, der ihnen hilft. In großen Kliniken kommt es regelmäßig zu „Horror-Notdiensten“: Wenn das Wartezimmer brummt und die Station aus allen Nähten platzt, besorgte Besitzer verstimmt sind, weil sie „stundenlang“ gedulden müssen, alle Infusionsmaschinen piepen und Intensivpatienten Sorgen machen. In solchen Nächten bleiben nicht nur die Tierärzte auf der Strecke (Schnell und Wenig-Esser vor!) auch die Patienten sind schlecht versorgt (habe ich in meiner Müdigkeit Medikamente vertauscht?), Besitzer unzufrieden (da gehen wir nie wieder hin!) und der Papierkram türmt sich (morgen, morgen, nur nicht heute…)

Was können die jungen Tierärzte tun?

Die Optionen wären abhärten, heimlich heulen, resignieren oder eben raus aus dem Stress und rein in die Industrie.

An den Unis ist die Bezahlung bis heute unterirdisch. Zu gewiss sind sich die Kliniken, dass eh genug Tierärzte nachziehen, die bereit sind für einen Hungerlohn unbezahlte Überstunden anzuhäufen. Viele Verträge laufen  befristet. Alle Teams sind voller Frauen, die sich fragen, wann und wo sie eigentlich einen Mann finden oder wann eine Familie gründen sollen. Sozialkontakte außerhalb der Klinik pflegen? Keine Zeit, keine Zeit! Das einzig gute am akuten Zeitmangel der gestressten Nachzöglinge: Auch für das auf den Kopf hauen der „saftigen“ 800-1000 Euro netto bleibt kaum Luft.

Na und wie lautet nun dein Fazit?

Auch wenn mich der Spruch „Tierarzt sein ist kein Beruf , sondern eine Berufung“ immer genervt hat, muss ich doch sagen, jap, das bringts auf den Punkt. Tierärzte schwimmen zwar häufig, doch meist nicht im Geld. Sie lieben ihren Beruf, sie stecken da all ihr Herzblut rein. Doch immer wieder lese ich von erschreckenden Zahlen zur hohen Suizidgefahr und Burn-Out Rate von Studierenden und Tierärzten und es stimmt: Die Arbeitsbedingungen sind in Deutschland nicht gerade rosig. Angestellte verdienen in vielen Kliniken und Praxen schlecht, für die Selbstständigkeit fehlt es oftmals an Kenntnis, Mut, finanziellen Mitteln oder dem passenden Lebensmodell. In Städten ist der Konkurrenzdruck hoch, kleine Praxen haben es schwer. In großen Kliniken geht es unangenehm hierarchisch zu.

Mich würde mal interessieren, ob Ihr Euch die Arbeit von Tierärzten so vorgestellt habt?

Da ist Bewegung drin

Es zeichnet sich jedoch ab und da bin ich guten Mutes, dass langsam Bewegung in die Branche kommt. Weil die nachkommende Generation
(alias die als faul gefürchtete Generation Y) sich nicht mehr mit Hungerlöhnen abspeisen lässt und 24/7-Arbeit auch nicht mehr so richtig en vogue ist. Zudem wird die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes immer stärker kontrolliert und es gibt erste Bemühungen Betriebswirtschaft in den Lehrplan zu integrieren.

Auf die Schnelle drei Appelle

An alle Studenten, die praktisch arbeiten wollen: Das Studium ist Mist und bereitet Euch null auf die Praxis vor. Es liegt an Euch, früh die ersten Praxiserfahrungen zu sammeln. Versucht Euch zeitig zu entscheiden, wo der Weg mal hingehen soll. Sucht Euch einen Studentenjob an der Uniklinik oder bei einem Tierarzt. Wählt Eure Praktika weise und hört Euch nach Empfehlungen um. Wo dürft ihr viel selber machen? Wenn Euch die Selbstständigkeit reizt (was sehr gut wäre, weil es im Angestellten-Dasein finanziell nur begrenzt was zu holen gibt…): ohne BWL-Kenntnisse wird es verdammt hart. Als Tierarzt mit eigener Praxis seid ihr auch Unternehmer und das will (z.B. in einem Volkshochschulkurs?) gelernt sein.

An alle Tierbesitzer: Tierärzte sind auch nur Menschen. Sie haben gute und schlechte Tage. Ihnen passieren Fehler. Vielleicht sind sie dünnhäutig, weil sie schon seit 24 Stunden nicht geschlafen haben? Notfallnummern sind für Notfälle da. Auch wenn Tierärzte im Dienst der Tiere arbeiten, haben sie ein Recht auch Feierabend und – man glaube es kaum – ein Privatleben. Natürlich gibt es auch schwarze Schafe und wenig empathische Kollegen. Wenn Ihr Euren Tieren und den Tierärzten helfen wollt, bringt kranke Vierbeiner frühzeitig zum Tierarzt, nicht erst wenn die Hütte brennt. Nachts ist es teurer, ihr müsst unter Umständen lange warten  und vielleicht  ist der Arzt gerade mit dem falschen Fuß aus dem Bett aufgestanden 😉

An alle Kollegen: Durchhalten! 🙂