Reisebericht einer Ahnungslosen

Nachdem ich mich im letzten Jahr so in die Berge verliebt habe, haben wir uns für 2019 den Sentiero Roma auf der Südseite der Bergeller Alpen vorgenommen.

Wieder starte ich recht ahnungslos in die Wanderung. Klar, diesmal mit Stirnlampe und Regenhose, zudem Snacks + Unterhosen in hoffentlich ausreichender Zahl, aber ansonsten habe ich wenig Ahnung von der Route und ihrem Schwierigkeitsgrad. Ruth erzählt am ersten Abend gleich von „Instagram-Bunnies“ und planlosen Amerikanern, die der schönen Bilder wegen, nun auch in die Berge strömen. Immer häufiger muss die Bergwacht die unvorbereiteten Fotojäger dann aufgrund akuter Erschöpfung von den Felsen klauben. Ich fühlte mich ertappt, weil auch ich keinen Plan von der Planung, aber ne volle Powerbank im Rucksack habe.  

Im Nachhinein betrachtet war meine Ahnungslosigkeit aber gut. Schließlich habe ich den Rucksack geschnürt und mich gefreut. Wenn ich im Detail gewusst hätte, wie lang die Strecken, wie steil die Kletterpartien und wie gnadenlos die Auf-und Abstiege sind, ich hätte meinen Körper verschont und wäre eingerollt im Bett geblieben.  

Auf alle Fälle kann ich keinem Anfänger (auch wenn trainiert und sportlich) empfehlen, so eine Wanderung ohne Leute mit Bergerfahrung in Angriff zu nehmen!!   

In der Naturgewalt der Berge schrumpft der Mensch zu einem ganz kleinen Staubkörnchen zusammen. Ehrfurcht! Allein das Wetter kann sich launisch zeigen. Und wenn plötzlich aus strahlend düster wird, sollte man vielleicht nicht gerade auf der Bergspitze balancieren. 

Ein Hoch auf meine Mitwanderer, die mich als schwächstes Glied der Kette stets im Auge hatten. Grazie. 

Tag 1- Sondrio-> Torre di Santa Maria – > Rifugio Bosio (angepeilt 6, gebraucht 8 Stunden)  

Ein holpriger Start 

Rucksack auf, Schuhe an, Apfelbonbon in der Backe und los! An Tag eins marschieren wir vom kostenlosen Parkplatz im Veltliner Örtchen Sondrio zunächst auf Pfaden des Sentiero Rusca.  

Von den Balkonen kläffen aufgebrachte Hunde, blicken Katzen und wir pflücken Birnen vom Baum. Herrlich! Eh wir uns versehen bekommen die Beine es mit der Steigung zu tun und der Schweiß beginnt zu laufen. Oh je und dann auch prompt verlaufen, Dornenbüsche und Gekraxle ab von Wegen, während die Zeit gnadenlos voran tickt. Ich bemerkte, dass die anderen nervös sind. Zugegeben, es läuft nicht optimal, aber wir haben doch schon gut was erlaufen? Als wir durch Dornen lädiert auf den Weg zurückfinden, kapiere ich erst, dass dies noch gar nicht der eigentliche Start der Wanderung war, sondern erst der Weg dorthin. Meine Stimmung springt vom Zehn-Meter-Brett in die Tiefe. Trotz Landjäger, Brot und Nüssen fühle ich mich erschlagen.  Doch zurück? Keine Option! Aus den „easy zwei Stunden“, von denen unser Air BnB-Vermieter sprach, sind schon knapp 4 geworden.

Katzesuchbild.

 Gottseidank hat eine nette italienische Dame Gnade mit unseren ausgestreckten Daumen und nimmt uns mit ihrem Auto ein Stück mit in die Höhe. Durch diese kleine Mitfahrgelegenheit schaffen wir es bis 16 Uhr zum Startpunkt der Wanderung: Torre di Santa Maria.  Wir alle schwören uns, in Zukunft ebenfalls Trampern unsere Autotüren zu öffnen, füllen nochmal die Wasservorräte und los. Der Aufstieg ist steil. Sehr steil. Uff! Das Wetter entwickelt sich ähnlich düster wie meine Stimmung: Regen, Blitz und Donner! Als es blitzt zucke ich zusammen. Von meinem 32-jährigen-Ich ist nur noch ein bockiges Kind übrig. Sorry an die Gruppe! Nach 3,5 Stunden Quälerei (nicht nur ich, sondern auch meine Achillessehnen sind gereizt) taucht endlich die Hütte auf. Trotz unserer Erschöpfung können wir uns der Schönheit der Umgebung nicht entziehen. Wow! Nach zwei Tellern Pasta mit Salbeibutter, Fleisch und Kuchen kommt auch die gute Laune zurück. Halleluja, was ein Start!  

Tag 2 Rifugio Bosio -> Rifugio Ponti (mit Extraschlenker  9 Stunden Wanderdauer) 

Es sprudelt! 

Weiter geht es durch diese saftig-grüne Hobbitlandschaft. Wunderbar, wenn der erste Teil des Tages nicht gleich mit einem Senkrechtstart in den Berg beginnt, sondern Zeit lässt, um aufzuwachen und ins Laufen zu finden. Durch eine regenreiche Nacht sprudelt das Wasser aus jeder Ritze. Unsere Gruppe plätschert dahin und beschließt die recht kurze Tagestour durch einen Extraschlenker auszudehnen, um einen Blick auf den Lago di Cassandra und zwei weitere kleine Seen zu erhaschen. Meine Fersen zeigen sich nachtragend und geben mir zu schmerzhaft zu verstehen, dass der gestrige Aufstieg nicht in ihrem Sinne war. Gleich tapen und Pflaster drauf, rät die Gruppe. 

Wir genießen das Plätschern, sehen Gemsen, marschieren durch Sonne und Hagel und am Ende ist die Hütte immer doch weiter weg als gedacht.  Dort gibt es immerhin eine lauwarme Dusche, Risotto und begeisterten italienischen Gesang. Ich grusele mich vor Tag 3 – der längsten Etappe der ganzen Tour! 

 Tag 3 Rifugio Ponti -> Rifugio Alievi (aus schrecklichen 9 werden sehr schreckliche 12 Stunden) 

Panik, Trotz, Erschöpfung 

Tag 3. 07:30: Vom Frühstückstisch rein in die Steigung! Lunge pumpt, Herzschlag beschleunigt. Noch Schlaf im Auge. Ich hasse das!  Jacke ausziehen, Wasser trinken. Wir kommen an eine Stelle, die selbst der oberentspannte Bergigel Roman als etwas „tricky“ bezeichnet. Ich hänge im Felsen und komme nicht weiter. Nix zu greifen, kein Halt, unter mir geht es runter, Panik! Die Tränen kullern und ich hechle wie ein hysterischer Husky. Die Jungs nehmen mir den Rucksack ab und schupsen meinen Po vom Grundeis auf den nächsten Felsen. Danke Ihr! Weiter geht es über Schneefelder (ich rutsche natürlich schneller aus als ich gucken kann), Pässe, rauf runter, rauf runter. Die Knie zwicken. Wir kommen an zwei gemütlichen Biwakhütten vorbei, ich möchte ein, nicht weiterziehen. Ein großes Schneefeld passieren wir jauchzend mit imaginären Skiern, dann kommt Wiese, wunderbar.  Es geht runter und wir sehen, dass der ursprüngliche Weg abgesperrt ist, weil nicht mehr passierbar. Wir müssen noch weiter runter, um dann wieder alles hochzusteigen. Ich will nicht mehr. Alle betrachten mich mit mitleidigem Blick – das kleine Häufchen Elend, sollen wir deinen Rucksack nehmen? NEIN! Ein weiteres Mal Tränen. Über den Pass, die Hütte wird sichtbar, in Puppenhausgröße. Ich heule wie ein Schlosshund und schlurfe weiter. Mache ich das tatsächlich freiwillig? Wir brauchen 12 Stunden. Auf der Hütte gibt es Bolognese und Bier. Eine Gruppe eingefleischter italienischer Wanderer begrüßt mit einem Daumen hoch. Wir kennen sie schon: Sie sind doppelt so alt und immer schneller als wir. Macht nix. Prost! 

Tag 4 Rifugio Alievi-> Rifugio Gianetti (wir brauchen 10 Stunden) 

Geröll!  

Wenn ich mich aus der Hocke in die aufrechte Position stemme, merke ich, dass heute Tag 4 ist.  Meine Beinmuskulatur zeigt mir nen Vogel und die Menisken tanzen Samba. Trotzdem faszinierend, dass der Körper jeden Tag doch irgendwie weiterkann. Der Tag ist geprägt von mehreren Pässen und sehr viel Geröll. Große Steine, kleine Steine, Felsbrocken, heißt: auf jeden Schritt aufpassen. Wie im letzten Jahr glaube ich daran, dass mich der Anblick der endlosen Geröllfelder bis in die Nächte verfolgen wird. Große Herden sehr trittsicherer Schafe schauen uns schmatzend und blökend beim Klettern zu.  Die schwarzen mit dem weißen Schwanz haben es mir besonders angetan. Ab und zu pfeift ein Murmeltier. Doch jetzt Konzentration! „Ein falscher Schritt und aus Licht wird dunkel“, steht auf einer Gedenktafel an einer steilen Kletterstelle. Roman liest diesen aufheiternden Spruch dankenswerter Weise vor. Das gibt Mut! Doch unsere Schritte sitzen.  

Der Weg bis zur Hütte zieht sich ewig dahin – gefühlte Stunden erscheint sie uns in Briefmarkengröße am Horizont. Nicht nur ich wimmere. Zum Schluss gibt es nur noch stolpern, Zeh anhauen, ausrutschen, umknicken. Irgendwann sind wir trotzdem da, die Hütte ist groß und voll. Der Geruch des Schuh-Raums empfängt uns freundschaftlich. Hint: Es duftet nicht nach Blumenwiese. Im Bettenlager gibt es ein gratis-Schnarchkonzert. Ruth hat das Gefühl von Bettwanzen attackiert worden zu sein. Ab 4 Uhr wird ausdauernd in Plastiktüten gekramt. Ich habe Durst, will die anderen aber nicht wecken. Nochmal zum Liebsten rüber robben. Es ist heiß. 

Ob Tag, ob Nacht – so eine Wanderung ist doch Erholung Pur! 

Tag 5 Rifugio Gianetti -> Rifugio Brasca (in 4 Stunden nicht schaffbar) 

 Die Siedler von Catan 

Der letzte vollwertige Wandertag vor dem Abstieg ist angebrochen. Ich nehme mir fest vor den Weg heute einfach zu genießen. Wir laufen los und fühlen uns wie auf dem Live-Spielfeld der Siedler von Catan. Tausche Erz gegen Geröll! Wer ist dabei? Das italienische Frühstück aus Weißbrot und Marmelade hält grade wieder für eine knappe Stunde vor, dann knurrt der Magen erneut mit Nachdruck. Nüsse nachschieben! Wir haben uns in den letzten Tagen durch die unterschiedlichsten Mischungen gemümmelt, aber diese schneidet nicht so gut ab – zu viele Maulbeeren. Na Hauptsache Energie! 

 Heute steht nur ein Pass an, doch der lässt das Adrenalin gleich wieder in die Höhe schießen. Der Berg scheint halb abgerutscht und das Geröll bietet kaum feste Trittfläche. Wir sind zögerlich, müssen uns gegenseitig helfen, verlieren Zeit und kommen doch oben an. Schnell ein Jubelfoto, dann runter, runter, runter. Ich rutsche zehn Mal aus. Das nasse Gras ist schuld, die Beine müde. Blaue Flecke und aufgeschabte Handflächen, mal ein anderes Urlaubsmitbringsel. 

 Doch dann kommen immer mehr Bäume, auf dem Boden liegen Tannennadeln, es erscheinen erste Häuser. Die Hütte begrüßt uns mit Sonne, unsere Italiener sehen uns begeistert entgegen. Sie haben noch Energie und wollen Pilze sammeln. Wir öffnen ein Bier, die anderen baden im Eisfluss und ich gönne mir eine warme Dusche (4 Min, 4 Euro). Dann gibt es Pasta, & Kartoffeln mit Salbeibutter und Käse aus großer Schale. Dieses Gericht nennt sich Pizzoccheri und ist typisch für die Region. Lecker! 

Unglaublich, aber wahr: Der Sentiero Roma, er ist geschafft! Die Tour kann man übrigens auch andersrum machen, würde ich aber nicht empfehlen, das ist dann Horror-Horror!

Tag 6 Rifugio Brasca -> Novate Mezzola (3,5 Stunden Abstieg passen ziemlich genau) 

Sauerstoff für die Füße 

Abstieg! 3,5 letzte Stunden liegen vor uns. Ein Hubschrauber kommt und geht, wirft Personen ab und sackt Müll ein. Uns kommen viele Wochenendwanderer entgegen, Rentner, Kinder und Pfadfinder. Ich habe den sehnlichen Wunsch meine Wanderschuhe auszuziehen. Irgendwann piept das Handy, ab jetzt gibt es wieder Netz. Natürlich stecken wir erstmal die Nasen ins Smartphone, was ist denn so passiert in der Welt? Eigentlich herrlich diese Offlinezeit. Der Abstieg zieht sich, leider behalten die Zeitangaben auf den Schildern Recht. Puuuuh. Wir humpeln bei drückender Hitze zum Bahnhof. Der erste Zug kommt nicht, der zweite schon, dann umsteigen und eeeeendlich raus aus den Schuhen. Die Füße jubeln, Sauerstoff! Sie haben uns gute Dienste geleistet. Das Auto steht noch an Ort und Stelle- ein Glück! Wir bewaffnen und mit italienischem Käse und Bresaola und fahren laut singend Richtung Deutschland zurück. Ich bin zufrieden. Sich  eine Woche lang so zu fordern, das macht doch stolz wie Bolle. 

Ein paar Tipps vom Nicht-Wander-Profi: 

  • Habt sie lieb, eure Füße: Schuhe einlaufen, Zehennägel kürzen  
  • Für alle, die ebenfalls Probleme mit der Achillessehne haben: Es gibt Socken, die an der Ferse verstärkt sind. Wenn sich Blasen oder wehe Stellen ankündigen: Gleich Pflaster und Tape drauf. 
  • Weniger ist mehr: Lieber einmal auf der Hütte waschen, als ein zu schwerer Rucksack. Ich habe diesmal zu viel eingepackt und ordentlich zu spüren bekommen, wie mich der Rucksack nach hinten gezogen hat. Wasser wiegt auch, daran aber nicht sparen. 
  • Life is better with good Snacks! Schokolade, Nüsse, Trockenfrüchte, Riegel. Immer rein damit!  Ein, zwei Tüten für Müll können nicht schaden. 
  • Ibuprofen: eine wunderbare Zugabe zum Müsli vor langen Touren 😀 
  • Oben wird’s kalt: Ich war heilfroh über Bufftuch und Stirnband! 
  • Strom to-Go: Nicht auf jeder Berghütte gibt es Steckdosen, deshalb: Powerbank einpacken.Man hat zwar kaum Netz und verbraucht so weniger Akku, aber wer viele Fotos schießt… 
  • Salamitaktik von Marathonläufern anwenden: Bis zum nächsten Gipfel schaffe ich es auf jeden Fall. Und dann ein neues Ziel setzen.  
  • In der Ruhe liegt die Kraft: Im Zweifelsfall nicht runter gucken. Ruhig bleiben, auf die Schritte konzentrieren. Besser langsam und heil als schnell und weg vom Fenster.